Weibliche Genitalverstümmelung: Handbuch zur Unterstützung von Fachpersonen in den Bereichen Prävention und Betreuung

22. April 2010 -14h15

  Im Rahmen der kantonalen Kampagne gegen weibliche Genitalverstümmelung (female genital mutilation, FGM) wurde am Donnerstag ein Handbuch für Fachpersonen vor mehr als 40 Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfachpersonen präsentiert. Der Anlass fand auf Initiative der Kantonalen Kommission für die Integration der MigrantInnen und des Delegierten für die Integration der MigrantInnen statt. Das vom Internationalen Institut der Rechte des Kindes erarbeitete Handbuch beantwortet viele Fragen rund um die FGM und liefert den Fachpersonen Informationen, Orientierungshilfen, Adressen und Werkzeuge für die Prävention der FGM und für die Betreuung der davon betroffenen oder bedrohten Frauen und Mädchen.  

Weltweit sind rund 130 Millionen Frauen beschnitten; jährlich erleiden 2 Millionen Mädchen zwischen 4 und 12 das gleiche Schicksal. Weibliche Genitalverstümmelung wird in vielen afrikanischen und nahöstlichen Ländern praktiziert. Sie verursacht nicht nur ein unermessliches Mass an Gewalt und Leiden bei der Beschneidung selbst, sondern auch lebenslange, schwere körperliche und psychologische Folgeschäden.

Mit den neuen Migrationsströmen ist die Mädchenbeschneidung auch in der Schweiz eine Realität geworden, die aber der breiten Öffentlichkeit und den SpezialistInnen immer noch wenig bekannt ist. In unserem Land sind rund 7000 Frauen und Mädchen davon betroffen oder bedroht, laut einer UNICEF-Studie. Im Kanton Freiburg wurde die Kommission für die Integration der MigrantInnen aufgrund einer Anfrage von Grossrätin Claire Peiry-Kolly 2008 vom Staatsrat beauftragt, einen Bericht und Empfehlungen zu diesem Thema zu erarbeiten.

In ihrem vom Staatsrat genehmigten Bericht empfiehlt die Kommission unter anderem, Fachpersonen in den Bereichen Erziehung, Gesundheit und Soziales weiterzubilden und interkulturelle Mediatorinnen einzusetzen, um die Familien und Jugendlichen in den betroffenen Migrationsgemeinschaften zu sensibilisieren. Die Gesundheitsfachpersonen werden oft mit FGM konfrontiert: Gemäss einer Studie der UNICEF und der Universität Bern hat mehr als jede-r zweite-r Frauenarzt/Frauenärztin bereits Opfer von Genitalverstümmelungen  behandelt.

Handbuch für Fachpersonen

Obwohl beschnittene Frauen in der Schweiz keine Seltenheit sind, fühlen sich die Fachpersonen ihnen gegenüber oft hilflos. Aufgrund dieser Feststellung hat das Internationale Institut der Rechte des Kindes in Sitten ein Handbuch für Fachpersonen publiziert. Es enthält Informationen über die betroffenen Gemeinschaften, die Gesundheit, die internationale und nationale Gesetzgebung betreffend FGM, den Kinderschutz in der Schweiz, usw. Das Handbuch gibt es vorläufig nur auf Französisch; eine deutschsprachige Übersetzung wird noch im 2010 erscheinen.

Das Handbuch weist darauf hin, wie Risikosituationen erkannt werden können und gibt Ratschläge für den Dialog mit den betroffenen Personen und deren Betreuung. Das von einem interdisziplinären Team aus den Bereichen Integration, Migration, sexuelle Gesundheit, Recht und interkulturelle Mediation erarbeitete Handbuch bietet auch Adressen, nützliche Links und beinhaltet die DVD " Femmes mutilées, plus jamais ! " von Fatxiya Ali Aden und Sahra Osman.

Kantonale Kampagne gegen FGM

Die Kampagne gegen die FGM ist eine Priorität des Staatsrates für 2010 im Rahmen der Integrationspolitik. Nebst der Präsentation des Handbuchs geht die Kampagne mit spezifischen Aktionen weiter. Im Herbst wird eine Sensibilisierungskampagne für die Zielgruppe der 12- bis 25-Jährigen lanciert. Eine Informationsarbeit wird auch mit den betroffenen Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Zudem sind verschiedene Projekte von einzelnen Organisationen geplant.

Vorentwurf für eine Revision des Strafgesetzbuchs

Letztes Jahr hat die Rechtskommission des Nationalrates einen Vorentwurf für eine Revision des Strafgesetzbuchs in die Vernehmlassung geschickt, um die FGM explizit zu verbieten und strafbar zu machen, auch wenn sie im Ausland verübt wurde. Diese Vorschläge wurden sehr positiv aufgenommen.

Hingegen wurde die Idee wuchtig verworfen, die FGM für über 18-jährige Frauen, die ihre Einwilligung gegeben haben, zu ermöglichen. Dies würde einen „FGM-Tourismus" fördern, weil die Schweiz das einzige europäische Land wäre, das eine solche Praktik tolerieren würde. Der Vorentwurf wird gegenwärtig von einer Untergruppe der Kommission überarbeitet.

Bericht der Kantonalen Kommission für die Integration der MigrantInnen und gegen Rassismus : „Verstümmelung der weiblichen Genitalien (FGM) - Zusammenfassung der Untersuchungen und Empfehlungen"

Medienmitteilung des Staatsrates vom 11. Juni 2008

Das Handbuch für Fachpersonen kann auf der Website des Internationalen Institutes der Rechte des Kindes bestellt werden (Preis : 60 Franken; vorläufig nur Französisch)

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