Geboren am 7. November 1844 in Givisiez, gestorben am 12. März 1913 in Vevey. Katholisch, von Givisiez und Avry-sur-Matran. Seine Eltern sind François Bossy, ein wohlhabender Landwirt und Grundbesitzer, dem das grosse Gut La Chassotte in Givisiez gehört, und Marguerite geb. Vorlet. Er heiratet Hermine-Marie Bucher, von Escholzmatt (LU).

Aloïs Bossy, Conseiller d'Etat/Staatsrat (1844–1913)
Aloïs Bossy, Conseiller d'Etat/Staatsrat (1844–1913) © Tous droits réservés
Aloïs Bossy (1844–1913), liberal-konservativ

Aloïs Bossy besucht die Primarschule in Givisiez und das Kollegium St. Michael. Nach der Matura vervollkommnet er seine Deutschkenntnisse in Stuttgart. Anschliessend ist er zunächst Aufseher (1867–1868) und dann Lehrer (1868–1878) am Kollegium St. Michael.

Der bei den Konservativen aktive Bossy wird, von Théraulaz gedrängt – der die überzeugte Rechte zufriedenstellen will, zum Oberamtmann des Vivisbachbezirks ernannt. Er leitet diesen Bezirk von 1878 bis 1880. Am 14. Mai 1880 wird er mit 46 von 86 Stimmen als Nachfolger Théraulaz’ in den Staatsrat gewählt. Er ist ebenfalls Grossrat (1881–1906), Ständerat (1884–1898) und Nationalrat (1898–1908). Im Staatsrat sitzt er von 1880 bis 1906, zuerst als Direktor des Innern (1880–1902) und danach als Direktor des Innern, der Landwirtschaft und der Statistik (1902–1906). Als Volkswirtschaftsdirektor unter Python entwickelt er die beiden Prioritäten der Regierung: die Landwirtschaft und die auf die kantonalen Rohstoffe – Holz, Milch und Wasserkraft – begründete Industrie. Was die Landwirtschaft betrifft, stützt er sich auf die Ratschläge des Landwirtschaftsingenieurs Antonin Berset. Ausgehend davon entwirft er ein Programm zur besseren Ausbildung der Bauern, zur Steigerung der Qualität des Viehs und der Milchprodukte. Zu seinen Realisierungen gehören die milchwirtschaftliche Station (1887), die Musterkäserei in Hauterive (1888), das Labor für Agrarchemie (1888), Gesetze zur Verbesserung der Viehzucht (1884, 1888, 1891, 1892 und 1897) und Versicherungen gegen die Sterblichkeit des Viehbestands (1888 und 1899). Mit Erfolg lanciert Bossy die Kartonagefabrik und die Korbflechtschule L’Industrielle. Er fördert das Gewerbemuseum für den Berufsunterricht (1888), die Berufskurse (1900), die Lehren (1900) und das Technikum (Gewerbeschule, 1903).

Bossy präsidiert die Landwirtschafts- und die Gewerbeschule und gehört dem Verwaltungsrat der Gewerbeschule an. Zahlreiche landwirtschaftliche Vereine und Genossenschaften werden von ihm ins Leben gerufen.

Diese insgesamt ausgezeichnete Bilanz wird getrübt durch Bossys private Geschäftemacherei mit dem falschen russischen Baron Gérard (de) Smirnoff. Zunächst ist Bossy in eine Affäre verwickelt, in der das Pensionat La Chassotte um 50 000 Franken betrogen wird. Er zahlt auf Veranlassung Pythons hin, der die Schwestern zum Rückzug der Klage bewegt, den Betrag zurück. Bossy wird mit einem schlechten Ergebnis zum Staatsratspräsidenten gewählt; der Anwalt der Schwestern, der Freiburger Stadtammann Ernest de Weck, hat keine Mühe, einige der konservativen Grossräte gegen Bossy aufzubringen. Anschliessend ist er in einen schmutzigen Fondstransfer zwischen Bern und Freiburg verstrickt. Darin werden, zum Nachteil der Kinder aus Smirnoffs erster Ehe, 137 000 Franken veruntreut, wobei Bossy als provisorischer Vormund dieser Kinder in Freiburg den Betrug deckt. Vergeblich versucht er, Smirnoff aus der Schweiz herauszuschleusen. Der Kanton Bern verlangt zweimal eine Auslieferung Bossys, der im Februar 1906 einen dreimonatigen Krankheitsurlaub nimmt.

Von seinen Kollegen wird er zum Rücktritt gedrängt (1. und 2. Mai 1906). Der Staatsrat lehnt Bossys Auslieferung ab, da dieser zusammen mit Smirnoff in Freiburg vor Gericht gestellt werde. Fast löst Bossys Sturz eine Regierungskrise aus, doch Python ist geschickt genug, um das politische Spiel mit einem Angebot an die freisinnige Minderheit zu eröffnen, die je einen Sitz im Staatsrat (Weissenbach), im Kantonsgericht (Uldry) und im Verwaltungsrat der Staatsbank (Liechti) erhält.

Bossy zieht sich auf sein Anwesen La Chassotte zurück, das ihm und seiner Schwester Antoinette in ungeteilter Erbengemeinschaft gehört. Um Gras über die Affäre wachsen zu lassen, hält er sich häufig in Luzern und Vevey auf. Dort stirbt er am 12. März 1913 im Alter von 69 Jahren an einem Herzanfall.

Aus : "Der Freiburger Staatsrat : 1848-2011"

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