Greyerzer Spitzenklöppelei

Greyerzer Spitzenlöppelei
Greyerzer Spitzenlöppelei © Alle Rechte vorbehalten
Greyerzer Spitzenklöppelei

 

Die Spitzenherstellung, die im Greyerzerland seit mehr als 100 Jahren betrieben wird, diente in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem zum Lebensunterhalt. Heute handelt es sich vor allem um ein Hobby von ein paar Dutzend Frauen, die in der Association des Dentelles de Gruyère vereint sind. Diese Gruppierung, die der Vereinigung Schweizerischer Spitzenmacherinnen (VSS) angehört, beteiligt sich an Ausstellungen und Veranstaltungen (Folkloremarkt Bulle, Käsefest in Greyerz, Alpabzug von Albeuve), um die Spitzenklöppelei bekannt zu machen, nimmt an in- und ausländi­schen Kongressen teil und bietet vor allem Kurse an. Seine dynamische Präsidentin Marie-Thérèse Vial bildete und bildet zahlreiche Schülerinnen in der Region und sogar in Frankreich aus. Anfängerinnen wie Fortgeschrittene teilen dieselbe Leidenschaft und bilden sich unaufhörlich weiter, indem sie neue Techniken erlernen oder kompliziertere Muster ausführen. Trotz ihrer häufig traditionellen Motive ist die Spitzenklöppelei, wie man sie heute ausübt, keineswegs ein Freiburger Brauch. Die Fäden sind auf Klöppeln oder Holzspulen aufgerollt, die ein Greyerzer Handwerker – wegen des Gewichts idealerweise aus Buchsholz – herstellt. Sie werden in kunstvollen Kombina­tionen miteinander verdreht und verkreuzt. Dabei ist die Arbeit mit Stecknadeln auf einem Kissen fixiert, das auf einem Tischchen mit verstellbarer Höhe liegt. Im Gegensatz zu dem, was man sich vorstellen könnte, wenn man frühere Arbeiten sieht oder an die damals angestrebte Produktivität denkt, sind heute Erfindungsreichtum und Originalität gefragt; Greyerzer Spitzen sind sogar auf den neuesten Kreationen des Freiburger Couture-Lehrateliers zu finden!

 

Einige Arbeiten werden von den Greyerzer Klöpplerinnen noch von Hand auf Bestellung ausgeführt; 2012 schufen sie vor allem Halstücher und Spitzenhandschuhe für verschiedene Schweizer Trach­ten. Diese Vermarktung der Spitzen mag bescheiden sein, ist jedoch ein Erbe der Vergangenheit: 1907 hatte Madame Balland, Besitzerin des Schlosses Greyerz, die Erlernung der Spitzenklöppelei gefördert, die den jungen Frauen der Region anstelle der im Niedergang begriffenen Strohflechterei ein Auskommen sichern sollte. 1919 wurde dieSociété dentellière gruyérienne gegründet, die 1941 den Namen Association des Dentelles de Gruyère annahm und von der Bürgerschaft von Bulle unterstützt wurde. Ihr grösster Auftrag ist unvergessen: das 1.-August-Abzeichen 1942, eine zeit­raubende Arbeit. Später ersetzten immer häufiger Maschinen die handwerkliche Tätigkeit, und die Aufträge nahmen ab, obwohl die Klöpplerinnen unter der Schirmherrschaft des Vereins für ein Ge­schäft in Bulle arbeiteten. Da sie die Konkurrenz fürchteten, behielten sie ihr Wissen für sich. In den 1970er-Jahren bahnte sich ein Wandel an. Insbesondere auf Initiative von Marie-Thérèse Vial wurden die Techniken demokratisiert und an Spitzenbegeisterte weitergegeben. Auf diese Weise gelang es dem Verein, seinen Untergang zu vermeiden und diese alte Tradition zu retten.

Heute betreibt man also im Greyerzerland die Spitzenklöppelei hauptsächlich aus Liebhaberei, ein überwiegend weibliches Hobby, mit dem sich kein Zusatzeinkommen mehr verdienen lässt. Da die Klöpplerinnen das Handwerk weiterpflegen, dürfte dieses eine schöne Zukunft vor sich haben, vor allem wenn man bedenkt, dass auch das Stricken bei der Jugend wieder beliebt geworden ist.

Bemerkungen
Bekanntlich gab es die Spitzenklöppelei auch im benachbarten Pays-d’Enhaut seit mehr als 100 Jahren, wo sie zur Herstellung weiblicher Kopfbedeckungen diente. Italienerinnen auf der Durchreise nach Frankreich sollen die Technik den Frauen des Pays-d’Enhaut und des Greyerzerlandes gelehrt haben. So wurde die Spitzenklöppelei zu Beginn des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich wiedereingeführt. Damals ging es im Greyerzerland allerdings darum, den Frauen ein Auskommen zu sichern. Lauterbrunnen ist ebenfalls seit langem für die Vermarktung seiner Spitzenklöppelei bekannt.

Hören - Sehen

RTS, 1968, 21'23'': Dentelle de Gruyère

Links

Vereinigung Schweizerischer Spitzenmacherinnen (VSS)

In der Schweiz und anderswo

Neuenburger Spitzen

Spitzen aus dem Pays-d’Enhaut

Referenzen

Referenzen und Bibliographie

Autor

Florence Bays

Übersetzung : Hubertus von Gemmingen

Ähnliche News